Im Zusammenhang mit dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt macht man sich zur Zeit Gedanken über Strategien gegen das Tolerieren von Gewalt. Der Staat will bei Kindern und Jugendlichen Gewalt und Selbstjustiz natürlich erst gar nicht aufkommen lassen, einerseits. Andererseits muss er sich fragen lassen, warum er ihnen vermittelt, dass Gewalttaten „erfolgreich“ begangen werden können. Und warum er völlig willkürlich durch zwei Instanzen Menschen wg. Beleidigung verfolgt, und zwar erfolglos!Die Fakten: Mein 13jähriger Sohn besuchte mit einigen 12- und 13jährigen Freunden in Freiburg den diesjährigen Rosenmontagsumzug. Er und seine Freunde wurden von der Menge nach vorn gedrängt. Um nicht auf die Straße zu stolpern, stützte sich mein Sohn an der Schulter eines vor ihm stehenden Mannes ab. Dieser Mann namens Karl-Michael Medler drehte sich blitzartig um und griff ihn vollkommen unbeherrscht tätlich an. Er schlug ihn brutal ins Gesicht und konnte von den Umstehenden nur mit Mühe von weiteren Gewalttaten gegen meinen Sohn abgehalten werden.
Medler entfernte sich daraufhin vom Tatort. Da die Kinder aber zum Glück bald auf eine Polizeistreife trafen, konnte der Täter noch gestellt werden, bevor er den Ort endgültig verlassen konnte.
Nach der Strafanzeige verfügte die Freiburger Staatsanwältin Winterer die Einstellung der Ermittlungen gegen den Täter K.-M. Medler, allen Ernstes, wie sie mir telefonisch bestätigte, mit u. a. folgender Begründung in ihrem Formschreiben: Bei der Tat lägen keinerlei Anhaltspunkte für Rohheit vor und der Rechtsfrieden sei über den Lebenskreis des Verletzten hinaus nicht gestört. Somit erklärt sie diese Straftat quasi zu einer Privatsache. Da ich Frau Winterers Sensibilität gegenüber dem Gewalttäter mitsamt ihrer Hilfsverweigerung gegenüber dem kindlichen Opfer
für destruktiv halte – denn was lernen Kinder und Jugendliche daraus??? - , habe ich gegen sie Beschwerde eingelegt.
Wie ich erfuhr, scheint diese verheerende Vorgehensweise – erklären sie diese Entscheidung mal ihrem Kind !- völlig üblich zu sein.
Wie ich erfuhr, hat die gleiche Staatsanwaltschaft in einem anderen Fall offensichtlich weder Mühe noch Arbeit noch (staatliches) Geld gescheut, den Freiburger Nacktläufer durch zwei Instanzen zu verfolgen wegen einer Beleidigung (!), die er einem anderen Mann gesagt haben soll. Dieser wusste allerdings nicht einmal mehr, mit welchem Wort denn nun der Nacktläufer ihn beleidigt haben sollte... Diese Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft wiederum ist völlig unüblich.
Die Staatsanwälte wissen natürlich, dass sie mit ihren Entscheidungen politische Zeichen setzen. Angenommen, die oben genannten Fälle sind weder durch Arbeitsscheu noch durch das Motiv Rache zu erklären, welche politischen Zeichen wollte die Freiburger Staatsanwaltschaft uns damit wohl vermitteln?
Fritjof Springorum
Related link: Text meiner Dienstaufsichtsbeschwerde
--modified by DPN at Sun, May 12, 2002, 01:11:05
Re: Erfurt und die Konsequenzen: Freiburger Staatsanwaltschaft toleriert Gewalt Grundsatzfragen
Grundsätzlich wäre zu sagen, dass die Staatsanwälte, genau wie der Amokläufer, auch mal Kinder waren. Was tut man diesen Kindern an, damit so etwas aus ihnen wird?? Ich sehe das alles als irgendeinen fatalen Mechanismus oder sog. Teufelskreis. Es gehört eine bisschen Fähigkeit zur Selbstreflexion, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Leider kann man an diesbezüglichen Defiziten (angeboren?) vieler Zeitgenossen oft nur noch verzweifeln, was wiederum auch ein fatales Prinzip ist, nämlich das Erfolgsprinzip der Dumpfheit. Also kann es nur heißen - Durchhalten, sich nicht selbst in den Schmutz ziehen lassen, und den Kindern eben erklären, dass der Staatsanwalt halt auch nur ein (bedauernswerter?) Mensch ist.
Re: Erfurt und die Konsequenzen: Freiburger Staatsanwaltschaft toleriert Gewalt
War StA.in Winterer mal ein Kind? Und wenn ja, was für ein Kind? Heiße Fragen, doch ganz im Ernst: Worin genau könnte der angesprochene Teufelskreis bestehen? In etwas, was man den Kindern (z. B. StA.in Winterer) antat? Oder in etwas, was man Kindern gerade vorenthielt? Wie wird man feige, angepasst, kalt, "routiniert", destruktiv, unmenschlich? Warum verhärten Menschen? Weil sie in unserer christlichen Gesellschaft den Mut, die Kreativität und den Charakter nicht aufbrachten, eine humane Nische zu suchen. Ohne viele Vorbilder, ohne grosse Unterstützung, ohne starkes Selbst-Bewusstsein sich auf eine vielleicht lange (Such-) Reise zu machen, das verlangt einem allerdings auch ´ne Menge ab; aber was Besseres findest Du allemal...
Ich habe meinem Sohn gesagt, dass Frau Winterer mit ihrer Entscheidung nicht ihn persönlich treffen wollte, sondern immer so ist. Ein Trost ;-)) !
Re: Erfurt und die Konsequenzen: Freiburger Staatsanwaltschaft toleriert Gewalt Grundsatzfragen
Ich denke das ist sehr ernst. Der Mensch ist kein Reptil und mangelnde Zuwendung im Kindesalter muss ja irgendwelche Konsequenzen haben, sonst bräuchte sich ja niemand um seine Kinder zu kümmern, d. h. wozu bräuchte man dann überhaupt Eltern? Mir scheint durchaus darin ein plausibler Teufelskreis gegeben zu sein, dass die besagte mangelnde Zuwendung (selbst?)-zerstörerische Mechanismen auslöst. Unsere Zukunft wird niemals durch Vermögensvorsorge gesichert, sondern ausschließlich durch unsere Nachkommen.
--modified by Alexander at Thu, May 16, 2002, 10:26:34
Re: Erfurt und die Konsequenzen: Freiburger Staatsanwaltschaft toleriert Gewalt
Was wäre wohl geschehen, wenn die Staatsanwältin Winterer selbst das Opfer gewesen wäre?Reinhard Sieber
Re: Erfurt und die Konsequenzen: Freiburger Staatsanwaltschaft toleriert Gewalt
Ich wünsche ihr nicht, daß es jemand ausprobiert... Es würden schwerlich die Ermittlungen eingestellt. Sondern man würde richtig loslegen - schliesslich sitzt man ja an der Quelle... Und die Begründung der StA dafür wäre, wie nicht eben selten, willkürlich. Man darf jetzt schon "gespannt" sein, mit welcher Begründung meine Beschwerde gegen StA.in Winterer -na? Klar, natürlich abgelehnt wird. Die Ablehnung samt Begründung wird dann ins Netz gestellt, weil sie so spannend ist :-)
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